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Artikel zur Minarette Diskussion
12.12.2009 17:07 ( 2929 x gelesen )

Ein Artikel vom 09. 12. in der NZZ
zu der Minartte Abstimmung, von Berthold Rothschild

Minarette - die Blitzableiter unseres Ohnmachtsgefühls



 
   
Minarette - die Blitzableiter unseres Ohnmachtsgefühls
 
Die Wogen fluten noch immer hoch, die Gemüter bleiben erregt, und die Schuld wird fleissig der anderen Seite zugewiesen - doch um was handelt es sich eigentlich? Eigentlich um schlanke, meist elegante Türmchen, inzwischen aber um Bauwerke von symbolisch aufgeladener Bedeutung. Was sich da abspielt, bedarf trotz der Unzahl abgegebener Statements immer noch der Erklärung, jenseits der politischen Analysen und der journalistischen Kommentare. Wie kann man die einen und die anderen verstehen, ohne das übliche «Tout comprendre, c'est tout pardonner»?
 
In die globalisierte Welt gespült
 
Für den psychologisch interessierten Beobachter geht es um eine Dynamik, die sich zwischen Individuen, Gruppen und gar Massen abspielt. Wir stehen vor einem komplexen Gestrüpp von Ohnmacht und von Ohnmächtigkeiten verschiedenster Prägung, und dies kann auch der Triumph der Sieger nicht kaschieren. Das Ohnmachts-Profil hängt nicht zuletzt von Einflüssen des sozialen Klimas - Vertrauen - Misstrauen, Ängste - Hoffnungen - und den jeweiligen medial vermittelten Stimmungen ab. Weit ausgeholt und doch immer noch aktuell, beginnt es mit der historisch-zivilisatorischen Ohnmacht ganzer Populationen, die im immer noch aktuellen Nachhall der Zeit des weltweiten Kolonialismus nun plötzlich in den turbulenten Raum der globalisierten Welt gespült werden. Sie immigrieren in deren Zentren und assimilieren sich entweder oder leisten Widerstand, klammern sich zum Erhalt des Eigenen und des Gemeinsamen an das, was sie bindet: an ihre Religion zum Beispiel, ihrerseits seit eh und je ein bewährtes Antidot zur Ohnmacht, einzeln und kollektiv. Auf der anderen Seite ein kleines Land mitten in Europa, selbstbewusst und eingeimpft mit Stolz und Widerstand auf seinen Sonderfall, nun aber in der Strömung europäischer Diktate und in zunehmender ökonomischer Abhängigkeit entmachtet, gedemütigt und blossgestellt, sein Präsident eine klägliche Marionette an den Fäden eines tollen Wüstenfürsten, seine Schatzkammern aufgesprengt und die darin liegenden Geheimnisse ausgeplaudert.
 
Kollektive Ohnmacht also auch hier, diesmal aber nicht mit dem Korrektiv der Religion, sondern - wie schon oft in der Geschichte - mit demjenigen des sogenannten Nationalgefühls. Und so lautet dann der vermutete Subtext: Das alles lassen wir uns als Nation nicht länger bieten, und es ist höchste Zeit, ein Symbol unseres Widerstandes zu errichten, aufzuzeigen, wo die Grenze des Erträglichen liegt. Dafür eignet sich eine Symbolhandlung, am besten am Symbol des vermeintlichen Bedrohers, an seinen Vorzeige-Fetischen, den Minaretten, sie werden so zu Blitzableitern unseres Ohnmachtsgefühls. Und die direkte Demokratie ermöglicht uns, die Ohnmacht nicht nur dauernd passiv zu erdulden, sondern sie in aktives Handeln überzuführen. Und siehe da: Die Mehrheit des Volkes lässt sich von dieser Symbolhandlung begeistern und stimmt ihr zu, auch wenn ausser dem kurzen Hochgefühl der überwundenen Ohnmacht ein eigentlicher Nutzen dieses Sieges nicht erkennbar ist. Die überstimmte Minderheit, nun ihrerseits in ohnmächtiger Wut und Scham, muss zunächst klein beigeben, schwört aber Rache und Wiedergutmachung, denn für sie sind nicht der Stolz und die Nation das Wesentliche, sondern der Anschluss an die Tendenzen der Moderne. Auch sie reden zwar gerne vom «Volk», aber nur, solange sich dieses «fortschrittlich» verhält - wo nicht, wird es zur blöden, reaktionären Masse. Ein Kampf der Kulturen hat sich nun voll ins Binnenland verlagert, und wie im Krieg scheint, wo es um die «wahren Werte» geht, kein Opfer zu gross, sind keine Spesen zu teuer, keine Verdächtigungen zu absurd.
 
Für die einen - sie werden von ihren Gegnern als «Gutmenschen» verspottet - bedeutet die globalisierte Welt auch eine Chance, und sie haben keine Mühe, ihr Gefühl des «Zu-Hause-Seins» weit über die eigenen Landesgrenzen auszudehnen und innerhalb dieser Grenzen die Herberge zur Heimat für fast alle Zuwanderer zu öffnen, ohne sich allerdings zu sehr an ihnen reiben zu müssen. Für die anderen ist das Gefühl des Behaustseins in der modernen Welt am Schwinden, sie brauchen die Sicherheit der Heimat zur Wahrung des materiellen und seelischen Besitzstandes. «Heimat», schrieb der Zürcher Psychoanalytiker Paul Parin, «hat die Bedeutung einer seelischen Plombe. Sie dient dazu, Lücken auszufüllen, unerträgliche Traumata aufzufangen, seelische Brüche zu überbrücken, die Seele wieder ganz zu machen. Je schlimmer es um einen Menschen bestellt ist, je brüchiger sein Selbstgefühl ist, desto nötiger hat er Heimatgefühle, die wir darum eine Plombe für das Selbstgefühl nennen.» Fatal allerdings wird es, wenn das an sich verständliche Gefühl des Bedürfnisses nach Heimat sich mit der Begriffswelt der Nation amalgamiert und sich damit voll der politischen Ausbeutbarkeit aussetzt. - Dennoch wäre es arrogant und geradezu die Kluft vertiefend, die Minarettverbots-Ja-Sager nun als seelisch Bedürftige zu pathologisieren. Nein, ihre Motive sind ebenso vielfältig wie komplex, kommen jetzt ja auch ganz stolz daher. Sie sollen und sie wollen auch Verantwortung für diese gezielte Diskriminierung einer Minderheit übernehmen. Solche Diskriminierung wurde von ihnen bewusst in Kauf genommen, allerdings vergessend, dass nicht sie, sondern die Diskriminierten bestimmen, als wie schwer und wie schlimm die Diskriminierung zu gelten hat.
 
Aus dem Verfassungs-Bann entlassen
 
Was sich abspielt, ist mindestens teilweise ein verschobener Diskurs der Ohnmacht. Die einen schotten sich ab, die anderen suchen nun erst recht die Öffnung nach aussen. Die damit verbundenen Gehässigkeiten werden sich erst aufheben lassen, wenn die nun beschädigten Symbole - die Minarette also - aus dem Verfassungs-Bann entlassen sind. Und wenn am Dreisatz Ohnmacht - Heimat - Minarett etwas zutrifft, dann ist dafür nicht der Europäische Gerichtshof geeignet, sondern im Sinne des «Ungeschehenmachens» eine nächste Abstimmung zur Aufhebung dieses Verfassungsartikels notwendig. Für das dann gewünschte Resultat ist viel Arbeit im Inland, untereinander, von Citoyen zu Citoyenne und von Ansässigen zu Zugewanderten nötig. Oder heisst solches nur, nun auch noch die andere Backe hinzuhalten?
Berthold Rothschild ist Psychiater und Psychoanalytiker in Zürich.
 
 


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