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Wenn das Alter die Stellensuche behindert
07.06.2012 14:15 ( 4134 x gelesen )

Wenn das Alter die Stellensuche behindert

Wenn das Alter die Stellensuche behindert
Eine spezielle Stellenvermittlung für über 50-Jährige soll die Chancen von älteren Arbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.
Sie haben auch die Möglichkeit, den Berufsabschluss nachzuholen.
 
Von Andrea Fischer
 
Unlängst schlug die Schweizerische Konferenz
für Sozialhilfe (Skos) Alarm. Immer
mehr Menschen zwischen 46 und
64 Jahren würden Sozialhilfe beziehen,
hiess es an einer nationalen Tagung von
Mitte März. Besonders betroffen seien
die über 55-Jährigen, von denen viele zu
Langzeitfällen würden, so die Skos.
Noch vor wenigen Jahren standen die
jungen Erwachsenen im Fokus, weil deren
Sozialhilfequote rasant in die Höhe
geschnellt war. Die Jungen weisen zwar
noch immer die höchste Quote auf, doch
ging diese in den letzten Jahren zurück.
Der Rückgang sei vor allem auf die zahlreichen
Massnahmen zurückzuführen,
welche die Politik zur beruflichen Integration
von Jugendlichen ergriffen habe,
Das bestätigt auch der Blick in die aktuelle
 
Arbeitslosenstatistik: Demnach ist
inzwischen jeder 4. Arbeitslose über 50
Jahre alt. Bei den Langzeitarbeitslosen
ist der Anteil der über 50-Jährigen in
den letzten zwei Jahren von 34 auf knapp
43 Prozent gewachsen.
Vom wirtschaftlichen Aufschwung
könnten ältere Arbeitslose weniger profitieren
als jüngere, sagt Renate Salzgeber.
Verschärfend wirke sich zudem aus,
dass Unternehmen den Bedarf an
Arbeitskräften vermehrt über die Zuwanderung
decken können. Ausländische
Arbeitnehmer hätten den Ruf, weniger
anspruchsvoll zu sein als einheimische,
was sich wiederum in erster Linie
zuungunsten von älteren Stellensuchenden
auswirke, beobachtet Personalvermittlungsexperte
Markus Blättler.
 
Rezepte zur Jobintegration
Will man also verhindern, dass die Sozialhilfequote
unter den älteren Personen
weiter ansteigt, dann braucht es gezielte
Massnahmen, die rechtzeitig greifen.
Das haben inzwischen auch einzelne
Politiker und die Sozialpartner erkannt.
So hat der Luzerner FDP-Parlamentarier
Otto Ineichen unlängst mit
Unterstützung des Arbeitgeberverbandes
die Stellenvermittlung «Jobintegration
Passerelle 50 plus» ins Leben gerufen.
Sie richtet sich ausschliesslich an
Stellensuchende über 50 und soll baldmöglichst
in allen Regionen der Deutschschweiz
zur Verfügung stehen (siehe
Interview).
Die Kantone Freiburg und Neuenburg
setzen bei den Arbeitgebern an. Seit Anfang
dieses Jahres erhalten Arbeitgeber
während 18 Monaten die Sparbeiträge
für die berufliche Vorsorge vom Kanton
bezahlt, wenn sie eine arbeitslose Person
über 55 einstellen.
Dagegen setzt der Gewerkschaftsdachverband
Travailsuisse auf die sogenannte
Nachholbildung. Diese ermöglicht
Erwerbstätigen ohne Ausbildung,
einen Berufsabschluss zu machen. Und
zwar nicht, indem sie eine Lehre nachholen,
sondern indem sie sich die durch
ihre berufliche Tätigkeit erworbenen
Kenntnisse und Fähigkeiten anerkennen
lassen. Eine solche Validierung kommt
einem Lehrabschluss gleich und wird
heute bereits von den Berufsbildungsämtern
diverser Kantone angeboten.
Laut einer im April veröffentlichten Studie
des Gewerkschaftsverbands könnten
mehrere Zehntausend Erwerbstätige,
die über keinen Berufsabschluss verfügen,
von der Nachholbildung profitieren.
Denn eine abgeschlossene Ausbildung
erhöht die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt. Das Angebot sei aber noch
zu wenig bekannt und zu wenig ausgebaut,
sagt Bruno Weber, Bildungsexperte
von Travailsuisse. Der Gewerkschaftsverband
fordert deshalb Bund
und Kantone auf, die Nachholbildung
aktiv zu fördern.
Schliesslich braucht es aber auch die
Bereitschaft aufseiten der Arbeitgeber.
Diese beklagen zwar den Mangel an
Fachkräften und scheuen sich doch allzu
oft, solche einzustellen, die bereits in
einem gewissen Alter sind. Selbst der
Arbeitgeberverband räumt ein, dass es
beim Bewusstsein mancher Chefs noch einen Nachholbedarf gebe.
 
 
 
 
 
 
 
Stellensuche von älteren Arbeitslosen
 
«Geringe Chancen bei falschem Alter»
Markus Blättler (54)
Der Leiter von «Passerelle
50 plus» war zuvor Chef des
RAV in Emmen LU und
Inhaber einer eigenen
Personalvermittlungsfirma.
 
 
 
 
 
Die Arbeitgeber sind das
Haupthindernis bei der
Integration von Arbeitslosen
über 50, sagt Personalvermittler
Markus Blättler.
 
Mit Markus Blättler sprach
Andrea Fischer
Seit Anfang Jahr konzentriert sich die
von FDP-Nationalrat Otto Ineichen gegründete
Stiftung Speranza auf die Integration
älterer Stellensuchender in den
Arbeitsmarkt. Dazu wurde die professionelle
Stellenvermittlung «Jobintegration
Passerelle 50 plus» ins Leben gerufen.
Finanziert wird die neue Dienstleistung
über Spenden sowie über Gelder des
RAV und der Sozialdienste. Sie existiert
bereits in mehreren Kantonen, Ziel ist
es, die ganze Deutschschweiz mit dem
Angebot abzudecken.
Herr Blättler, die «Jobintegration
Passerelle 50 plus» richtet sich an
Arbeitslose über 50; ist das Alter das
einzige Kriterium, damit jemand
vom Angebot profitieren kann?
Ja. Da uns die Stellensuchenden übers
RAV oder über die Sozialdienste zugewiesen
werden, erfüllen sie bereits die
Bedingung, vermittelbar und arbeitsmarktfähig
zu sein.
Eine berufliche Ausbildung oder
zumindest berufliche Kenntnisse
sind nicht Voraussetzung?
Nein, unter denen, die zu uns kommen,
befinden sich Personen mit einem akademischen
Hintergrund und solche mit
einer beruflichen Ausbildung genauso
wie Hilfskräfte. Es sollen gerade auch
jene zum Zuge kommen, die grössere
Schwierigkeiten haben.
Jeder, der beim RAV angemeldet ist
und das Kriterium des Alters erfüllt,
kann also vom Angebot profitieren?
Es braucht eine Kostengutsprache des
RAV oder des Sozialdienstes, denn irgendjemand
muss für unsere Arbeit bezahlen.
Wir funktionieren nicht wie eine
klassische Vermittlung über Provisionen,
da wir keine Hürden für Arbeitgeber
errichten wollen. Die Entscheidung,
wer das Angebot nutzen darf, liegt also
beim RAV, so wie bei jeder andern
arbeitsmarktlichen Massnahme auch.
Aus unserer Sicht gibt es aber keinen
Grund, warum jemand nicht von der
Vermittlung sollte profitieren können.
Wie gehen Sie vor?
Die Bewerber durchlaufen zuerst ein
Assessment.
Wenn sie dieses erfolgreich
absolvieren, teilen wir sie einem Vermittler
in ihrer Region zu. Der nutzt
dann sein Netzwerk von Arbeitgebern
und wird aktiv. Unsere Vermittler verstehen
sich als Fürsprecher für die Gruppe
der über 50-Jährigen. Sie können Absagen
zwar nicht verhindern, aber sie fordern
die Arbeitgeber zu qualifizierten
Absagen heraus, die auch Hinweise fürs
weitere Vorgehen geben.
Sie haben vor Ihrer jetzigen Funktion
das RAV in Emmen geleitet. Wo
sehen Sie das Haupthindernis für
Arbeitslose über 50, wieder in den
Arbeitsmarkt einzusteigen?
Es sind zum einen die gängigen Vorurteile
der Arbeitgeber gegenüber älteren
Mitarbeitern, so etwa die angeblich
mangelnde Flexibilität und eine reduzierte
Leistung. Zum andern führen
Arbeitgeber immer wieder die hohen
Kosten und Sozialleistungen als Grund
an. Daher fallen ältere Kandidaten oft
schon zu Beginn aus dem Kreis der Bewerber
heraus.
Das Problem liegt also vor allem
bei den Arbeitgebern?
Aus meiner Erfahrung heraus sehe ich
keine andere vernünftige Erklärung: Es
ist eine Sache der Einstellung. Ein Bewerber
kann bestens ausgebildet sein
und alle Anforderungen im Stelleninserat
erfüllen – wenn er das falsche Alter
hat, sind seine Chancen gering.
Was können Sie mit Ihrer Plattform
dagegen ausrichten?
Die Erfahrung hat gezeigt: Die Vermittlung
für Personen einer spezifischen
Gruppe, seien es Jugendliche, seien es
Menschen mit Behinderungen oder jetzt
eben ältere Arbeitslose, läuft sehr stark
über Beziehungen. Es braucht jemanden,
der dem Arbeitgeber den Stellenbewerber
«verkauft», der die Fähigkeiten
des Kandidaten, aber auch die sozialen
Aspekte betont. Unsere Vermittler konzentrieren
sich dabei nicht bloss auf die
Stellen, die auf dem Markt ausgeschrieben
sind. Sie nutzen vielmehr ihren direkten
Zugang zu den Arbeitgebern. Oft
kennen sie die Personalchefs persönlich,
sind mit denen per Du. Das schafft
Möglichkeiten, die sich mit einer normalen
Bewerbung nicht bieten.
Und auch nicht übers RAV?
Nein, das primäre Ziel eines RAV ist die
Unterstützung zur Selbsthilfe. Für eine
effiziente Vermittlung fehlen meist die
personellen Ressourcen


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