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Verschweizerung aber Richtig
29.09.2014 16:07 ( 1414 x gelesen )

Verschweizerung aber Richtig

Die Globalisierung verunsichert. Der nationalistische Rückzug ist falsch. Wir müssen uns

auf unsere Stärken besinnen: Kompromissfähigkeit und die Pflege unserer Vielfalt.

Von ALAIN BERSET

«Im Falle eines Weltuntergangs wäre ich am liebsten in der Schweiz», sagte Albert Einstein. «Denn dort geschieht alles etwas später.»

Hat Einstein recht? Wahrscheinlich würde der Weltuntergang in der Vernehmlassung zerzaust; spätestens jedoch im Parlament. Vielleicht wären aber auch die verschiedenen Vorstellungen über einen angemessenen Weltuntergang bereits im Bundesrat unüberbrückbar. Und dann das Volk! Man darf annehmen, dass es den Weltuntergang ablehnen würde.

Für einmal irrte Einstein also: Der Weltuntergang geschähe hierzulande nicht einfach später, er wäre völlig chancenlos.

Globaler Markt trifft auf direkte Demokratie

Aber der Zeitgeist ist schon eher pessimistisch. Die Zeitungen sind voll von geopolitischen Unsicherheiten, von der Krise der Mittelschicht, von Abstiegsängsten. Die unheilvollen Schlagzeilen mehren sich, und das vor dem Hintergrund eines globalen Machtvakuums. Wer regiert die Welt? Schwer zu sagen. Stärkste Kraft ist die Globalisierung. Diese bringt wirtschaftliche Chancen mit sich, aber auch Verunsicherung. Das führt in vielen Ländern zu einem Rückzug auf das Eigene und Überschaubare.

Diese Dialektik ist auch in der Schweiz zu beobachten. Unser Land gehört zu den am stärksten globalisierten Ländern überhaupt. In unserem Land – und nur hier! – treffen die globalen Marktkräfte auf die direkte Demokratie. Die Schweiz ist «bottom-up» aufgebaut, während die globale Wirtschaft stark «top-down» funktioniert. Das macht die Schweiz zu einem Sonderfall, was die gesellschaftliche Akzeptanz der Globalisierung angeht. Wir beurteilen an der Urne, ob die Prozesse der Internationalisierung uns eher bedrohen – oder ob doch die Chancen überwiegen.

Die Schweiz mit ihren acht Millionen Einwohnern erscheint in der Logik der internationalen Arbeitsteilung als ein einziger Wirtschaftscluster. Und als erfolgreicher dazu. Und trotzdem: In Teilen der Bevölkerung herrscht ein Unbehagen gegenüber der Wirtschaft. Exorbitante Löhne, der Imperativ der ständigen Selbstvermarktung oder das Leben unter dem Damoklesschwert der nächsten Restrukturierung – diese Aspekte der globalisierten Wirtschaft stossen mit Kernwerten unseres Landes wie Bescheidenheit und Beständigkeit zusammen. Und auch Ängste vor starker Einwanderung und kultureller Entfremdung haben sich manifestiert in letzter Zeit. Die Schweiz hat einen der höchsten Ausländeranteile der Welt. Fragen nach der nationalen Identität haben Hochkonjunktur.

Kurz, das Unbehagen ist Ausdruck der Tatsache, dass die Schweiz demografisch ein Riesenzwerg, aber wirtschaftlich ein kleiner Riese ist. Die Globalisierung stellt unser Selbstverständnis infrage. Und die einfachste Antwort wäre natürlich Nationalismus. Wir beobachten denn auch in etlichen Ländern den Aufstieg dieser Kräfte.

Die Schweiz gibt komplizierte Antworten

In vielen Ländern scheint die Identitätsfrage ganz klar zu beantworten: «Wir sind wir!» Die kulturell und sprachlich vielfältige Schweiz kann diese einfache Antwort nicht geben. Wir lassen uns nicht auf einen gemeinsamen kulturellen Nenner bringen. Denn «wir» – das sind auch immer die anderen, mit denen wir unser Staatswesen, unsere Grundwerte teilen. Unser Identitätskern besteht aus der direkten Demokratie, aus Föderalismus, Mehrsprachigkeit, kultureller Vielfalt, Respekt vor den Minderheiten. Nationalistische Antworten sind falsch und, mehr noch: gefährlich für unser Land; denn unser Patriotismus kann nur ein institutioneller Patriotismus sein. Das unterscheidet uns von anderen Ländern. Ethnisch-kulturell grundierten Nationalismus, der sich an ein homogenes Kollektiv richtet, kann es gar nicht geben in unserem Land.

Die Schweiz ist das Land, das auf die scheinbar einfache Frage: «Wer sind wir?» gar nicht anders kann, als eine ziemlich komplizierte Antwort zu geben.

Wir alle sehnen uns nach Verbindendem. Aber wir können unsere Identität nur stärken, indem wir handeln. Die politischen und kulturellen Ressourcen der Schweiz sind nicht einfach gegeben. Wir müssen sie ständig erneuern. Durch unsere Fähigkeit zum Kompromiss, zum Ausgleich zwischen Interessengruppen, zwischen Landesteilen, zwischen politischen Kräften. Die Geschichte der Schweiz ist die Geschichte ihrer immer wieder überwundenen Gräben. Ich weiss: Der Kompromiss hat eine schlechte Presse. Er gilt als unsexy. Und trotzdem ist die Kompromissfähigkeit unsere grösste Stärke.

Dank unserer Kompromissfähigkeit finden wir immer wieder eine Balance von Wettbewerbsfähigkeit und sozialem Ausgleich. Das ist unsere heimliche Zauberformel. Und nicht zuletzt müssen wir unsere Vielfalt stärken. Dies als nur scheinbar paradoxe Antwort auf eine immer vielfältigere Welt.

Unsere politische DNA

Wenn wir eine politische DNA haben, dann diese: Wir sind Problemlöser, wir sind Brückenbauer. Beispiel Arbeitsmarkt: Wir müssen unbedingt das eigene Arbeitskräftepotenzial stärker fördern. Es kann nicht sein, dass hoch qualifizierte Frauen nur Teilzeit arbeiten, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer nicht funktioniert. Und es mutet in einer alternden Gesellschaft absurd an, dass Arbeitnehmende über fünfzig die Ausmusterung aus dem Arbeitsmarkt fürchten. Angesichts des demografischen Wandels wird der Jugendkult zum Jugendwahn

Diese Spannungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft müssen zugunsten der Gesellschaft gelöst werden, wenn die Wirtschaft ihre Legitimation in der breiten Öffentlichkeit zurückgewinnen will. Sonst wird der Gang an die Urne zum Ritual der Abrechnung. Denn die Gesellschaft ist kein erweitertes Headquarter. Die Gesellschaft ist in mancherlei Hinsicht sogar das exakte Gegenteil eines Unternehmens. Die Unternehmen bevorzugen die Verfügbarsten, die manchmal zugleich auch die Besten sind. Die Gesellschaft aber ist für alle verantwortlich, nicht nur für die jungen, gesunden, kinderlosen, hoch qualifizierten Spitzenkräfte.

In der Globalisierung wächst der Stellenwert der sozialen Sicherheit. Zum «Versprechen Schweiz» – zum Vertrag zwischen dem Staat und den Bürgern – gehört auch ein Alter in materieller Würde. Die Reform der Altersvorsorge gelingt nur, wenn wir uns der Stärken besinnen: Kompromissfähigkeit, Pragmatismus, die Bildung breiter Koalitionen. Die Frage, ob eine nachhaltige Reform der Altersvorsorge gelingt, ist deshalb ein Lackmustest für unsere politische Kultur.

Die Globalisierung – und mit ihr die Dominanz der Weltsprache Englisch – stellt eine Herausforderung dar für unseren nationalen Zusammenhalt. Unsere Landessprachen sind mehr als ein Kommunikationsmittel – sie sind das Eintrittsbillett zu einer ganzen Kultur. Wir müssen uns in der Schweiz gegenseitig verstehen.

Sicher, das bedeutet Arbeit. Und viele sehnen sich, verständlicherweise, nach Entlastung in einer ohnehin schon anstrengenden Zeit. Aber, um es mit G. K. Chesterton auf Frühenglisch zu sagen: «Do not free a camel of the burden of his hump; you may be freeing him from being a camel.» Ohne Höcker wäre das Kamel zwar entlastet, aber eben leider kein Kamel mehr. Und ohne Mehrsprachigkeit wäre die Schweiz zwar globalisierungsfähig – aber leider nicht mehr die Schweiz.

Jeder Landesteil, jeder Kanton trägt Verantwortung für die ganze Schweiz. Zudem gilt es zu bedenken:

• Auch die Schweizer KMU, die über 99 Prozent der Unternehmen des Landes ausmachen, erwarten von ihren Mitarbeitenden meistens Kenntnisse von mehr als einer Landessprache.

• Und nicht ganz vergessen sollte man auch, dass Frankreich Deutschland voraussichtlich bis zur Jahrhundertmitte demografisch überholt. Und so zum bevölkerungsreichsten Land auf dem Kontinent wird.

Die Globalisierung stellt uns in Bezug auf unsere politische Kultur, unsere Sozialpolitik und unsere kulturelle Identität infrage. Das heisst aber auch: Wir haben jetzt die Chance, unsere Energien zu mobilisieren. Wir müssen Lösungen suchen, die sich auf die reale Schweiz beziehen – nicht auf eine imaginäre Schweiz. Unser Land ist vom Staatsaufbau her ungeeignet für nationalistischen Rückzug und kollektives Schmollen.

Albert Einstein fühlte sich in unserem Land wohl, weil es Raum für Freiheit und Kreativität lässt, für Vielfalt und Eigensinn. Um ein bekanntes Diktum Einsteins zu paraphrasieren: Man soll es sich mit der Frage nach der nationalen Identität so einfach wie möglich machen.

Aber nicht einfacher.

Unsere Identität steckt in unseren politischen Prozessen. Unsere Identität bemisst sich am hohen Stellenwert, den wir dem gesellschaftlichen Zusammenhalt einräumen. Das Bewusstsein für die Schweiz wächst, indem das Bewusstsein dafür wächst, wie die Schweiz funktioniert.

Es wäre gut, wenn es uns gelänge, die Schweiz wieder ein wenig zu verschweizern. Die Renaissance unserer politischen Kultur würde unser Land stärken. Es wäre eine Art Aufbruch, eine Manifestation neuen Selbstbewusstseins – nach all den Jahren, in denen sich unsere auf Kompromisse ausgerichtete politische Kultur in Richtung Zentrifugal-Demokratie bewegt hat.

Die Globalisierung macht unser Leben kulturell spannender, sie eröffnet attraktive wirtschaftliche Perspektiven für das Exportland Schweiz – aber sie provoziert auch starke Gegenbewegungen. In diesem dialektischen Prozess dürfen wir nicht einfach abwarten und darauf vertrauen, dass die Schweiz weiterhin die Schweiz bleibt. Das wäre naiv.

Man könnte entgegnen: Aber wir sind doch ein Hort der Stabilität.

Ja, das sind wir – aber nicht, weil wir ein statisches Land sind. Sondern, weil wir seit jeher ein dynamisches Land sind, das sich in einer dynamischen Umwelt nicht verhärtet.

Eine Schweiz, die einfach nur die Schweiz ist, ist irgendwann nicht mehr die Schweiz.

Die Schweiz bleibt nur die Schweiz, wenn sie immer wieder die Schweiz wird. •

Bundesrat ALAIN BERSET ist Vorsteher des Eidgenössischen

Departements des Innern. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung seiner


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